Inhalt

  • Schwerpunkt: Anfang Mai 2020
  • Corona fördert einen psychologischen Konflikt, die sich bei Einzelpersonen und Gruppen innerhalb der Gesellschaft zeigt: Einige können sich mit Corona einrichten, andere sind mit Leid und deutlichen Einbußen konfrontiert
  • Dieser Konflikt geht über medizinische (o.ä.) Fakten hinaus
  • Er wird in dieser Zeit durch eine kollektive Erzählung gelöst, in der jeder Mensch und fast jede Bevölkerungsgruppe zum "Alltagshelden" werden kann
  • Alltagshelden kommen in vielfältigen Ausgestaltungen zum Zuge, die Studie zeigt vereinfachte Beispiele
  • Es ist abzusehen, dass auch neue Helden entstehen werden, durch deren Einfluss sich die gesellschaftliche Diskussion weiter entwickelt

Entstehung von Alltagshelden

Aus dem Phänomen des „(Kl)einrichtens“ geht ein Konflikt hervor, der nicht nur Einzelpersonen betrifft, sondern auch gesamtgesellschaftlich relevant ist: Einige Interviewte sagen, man kann Corona fast danken (m, 33), dafür, dass sie zuhause bleiben müssen. Andere wiederrum gehen weiter ihrer täglichen Arbeit nach und sind dabei evtl. Gefahren ausgesetzt, bzw. sehen das Leid Betroffener deutlich. „Meine Schwester arbeitet im Rettungsdienst und hat einen aggressiven Ton entwickelt. […] Ich muss mich rechtfertigen: schütze ich sie? nehme ich sie ernst?“ (w, 24). So beinhaltet Corona, das zunächst alle Menschen gleichermaßen betraf, auch die Möglichkeit einer Fragmentierung, bzw. Ungleichbehandlung innerhalb der Gesellschaft: diejenigen, die sich einrichten können auf der einen Seite und auf der anderen Seite diejenigen, die unter Risiken oder Verzicht leiden. Das betrifft nicht nur Mitarbeitenden im Gesundheitsbereich, sondern auch Menschen in Kurzarbeit, Selbstständige oder Unternehmer.

In diesem Konflikt sind die Fronten innerhalb der Bevölkerung nicht eindeutig geklärt, denn auch Menschen, die den Corona-Alltag gut integrieren, verzichten gleichzeitig auf bspw. Kultur, Restaurant- oder Barbesuche. Als klares Feindbild besteht nur „das Virus“: Gut gegen Böse. Gleichzeitig kann es am besten bekämpft werden, wenn sich alle gleichermaßen am Kampf beteiligen. Was Corona an dieser Stelle aufgreift, ist ein archetypisches Bild vom Kleinen, der durch seine Taten zum großen Helden werden kann. So wie viele Märchen, Geschichten oder Filme den alten Traum aufzeigen, wie ein durchschnittlicher Mensch zum Helden wachsen kann, bietet auch Corona die Möglichkeit, selbst zum Helden zu werden und dazu beizutragen, die Menschheit vor dem Virus zu retten. Das kann in Form von Alltagshandlungen wie z.B. dem Abstandhalten passieren (Zuhausehelden), insbesondere aber bei Personen, die in ihrem Beruf mit anderen Menschen in Kontakt kommen (Draußenhelden). Für die meisten Bevölkerungsgruppen bietet der Alltag Möglichkeiten, sich heldenhaft zu verhalten. So kann einerseits das Virus bekämpft werden, andererseits ist es eine Möglichkeit, den Konflikt zwischen gut gelittener Entschleunigung und Befürchtungen bezüglich Erkrankungen oder wirtschaftlichen Einbußen vorübergehend zu lösen.

Die Entstehung von Alltagshelden greift die bereits eingeführte Ritualisierung im Umgang mit Corona auf. Die Rituale, die mit Corona entstanden (bspw. Händewaschen, Abstand halten, etc.), können auch im Sinne von Heldentaten im Alltag betrachtet werden und erhalten so einen übergeordneten Sinnzusammenhang, der ihre Bedeutung zumindest eine Zeit lang festigt. Bspw. dient das Desinfizieren nicht nur dem eigenen Schutz, sondern es wird zu einer wirksamen Heldentat im kollektiven Kampf gegen das Virus. Solche Möglichkeiten stehen verschiedenen Bevölkerungs- oder Berufsgruppen gleichermaßen zur Verfügung. Nachfolgend sind einige stark vereinfachte Beispiele für Alltagshelden dargestellt.

Beispiele für Heldentypen

Besondere Helden sind positiv getestete Personen. Aus Gründen der Pietät beschränken wir uns auf Typisierungen außerhalb der Gruppe Erkrankter.

Neue Helden entstehen laufend weiter

Neue Helden

Die psychologische Heldengeschichte von Corona ist im Einklang mit der medizinischen Entwicklung ebenso wenig abschließend erzählt. Die wenigsten Heldenreisen verlaufen ohne Umwege, Rückschläge oder Mühen. Helden werden auf ihren Wegen manchmal in Frage gestellt oder von Gefährten verlassen. Sie finden sich neu oder es entstehen neue Helden, wo man sie vorher nicht vermutete.

Auch bei Corona sind Anfang Mai 2020 Ermüdungserscheinungen zu beobachten. Die Maßnahmen werden teilweise nicht mehr so strikt befolgt und die zunächst einheitlichen Regelungen zerfallen. Ein besonderes Symbol dafür könnte die Pflicht zur Community-Maske sein, die Corona nochmal greifbarer macht und die Reaktanz auslöst. Im Gegensatz zur frühen Phase nimmt die kritische Diskussion zu, die frühe klare Trennung zwischen Gut und Böse (möglichst wenige Menschen infizieren) weicht auf, vergleichbar mit einem Bild, das bei genauerem Hinsehen mehr Konturen und Zwischentöne bekommt. Dadurch geraten auch wieder weniger beachtete Auswirkungen der Maßnahmen in den Fokus und sie fordern ihren Platz in der Diskussion. Diese Gegenbewegung zur Vereinheitlichung duch Corona stellt Meinungsvielfalt her, die bestenfalls verschiedenen Bedürfnissen gerecht wird und dabei Wahrscheinlichkeiten und Risiken zueinander in Bezug bringt. Die kollektive kommende Heldenaufgaben wird es sein, die entstehende Ausdifferenzierung von Meinungen, Ansprüchen und Ideen in einem einheitlichen und gleichzeitig offenen Vorgehen zu harmonisieren.

Daneben sind Werke in einer Zeit entstanden, die ein Teil der Deutschen zum Durchatmen nutzen konnten. Hier liegt es mit an jedem Alltagshelden, individuelle neue Entwicklungen auch künftig weiter zu verfolgen und sie in ein Ganzes zu integrieren. Die Erfahrung aus der frühen Corona-Zeit zeigt, dass diese Potenziale nach Sinn und Richtung fragen.

(Kl)einrichten

Im vorherigen Kapitel beschreiben wir den Vorgang der Einrichtung im Kleinen.

* Auch wenn teilweise die männliche Form verwendet wird, sind immer beide Geschlechter gemeint.