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Das doppelte Verhältnis mit Corona

Bemerkenswert ist, dass der durch Corona erzeugte Stillstand nicht nur erschreckende Seiten hat. „Es war fast eine Erleichterung, dass ich nicht mehr arbeiten musste. Endlich darf ich zuhause sein“ (w, 28). Verschiedene Studienteilnehmende beschreiben den Lockdown einerseits als „Hausarrest“, gleichzeitig auch als Erleichterung. In den eigenen vier Wänden scheint die Bedrohung von außen sich abmildern zu lassen, indem die Menschen selbst tätig werden können. Sie können sich bspw. mit den bekannten Klopapier- oder Nudelkäufen gegen das Virus rüsten oder sie halten es durch Putzen und Schrubben in Schach und aus dem Haus. So wird das Haus, bzw. die Wohnung zum „Refugium“ (m, 33), bzw. zu einer Burg. Diese manchmal belächelten Tätigkeiten sind psychologisch wichtig, um sich gegen eine nicht sichtbare Bedrohung zu stemmen. Unabhängig davon, ob diese Handlungen den Virus „wirklich“ bekämpfen, haben sie eine psychologische Evidenz und beanspruchen Kräfte.

„Nach dem Einkaufen gehe ich direkt duschen und schmeiße alles in die Waschmaschine. […] Danach muss ich mich erstmal hinsetzen und brauche 15 Minuten.“ (w, 26). Das Zitat dieser Interviewpartnerin macht deutlich, wie viele Ressourcen der individuelle psychologische „Kampf gegen Corona“ beanspruchen kann und wie wichtig es ist, hier Verhältnisse zu definieren. Andere desinfizieren zwar die Türklinken, schonen aber ansonsten ihre Kapazitäten: „Ein bisschen Dreck muss sein. Ich halte die Sachen in Ordnung, muss jetzt aber nicht alles desinfizieren.“ (w, 44).

Durch solche Handlungen und insbesondere das Verhältnis zwischen Tun und Nicht-Tun wird Corona in ein eigenes Bild gefasst, das je nach Wirkungsgrad bedrohlich und gleichzeitig verniedlichend ist: „Das sieht witzig aus, wie eine Orange mit Nelken, was Schönes, was aber ein Virus ist so klein“ (w, 26). Die Phantasie, dass Corona fast niedlich sein kann, wird meist im gleichen Satz relativiert und bspw. durch die Anführung von Bildern aus überfüllten Krankenhäusern in Italien oder den USA widerlegt (m, 34) – ein Spannungsverhältnis, das sich in den ersten Wochen von Corona kaum auflösen lässt. Das Ergebnis ist eine zirkulierende Beschäftigung mit dem Ziel, das subjektive Maß zu finden. Hier wird auch der Widerspruch zwischen vermuteter Gefährlichkeit und dem teils als „angenehm“ erlebten Zuhausebleiben behandelt.

Einige Interviewte berichten davon, dass sie in den ersten Tagen des Lockdowns viel geschlafen hätten, was sie sonst von sich so nicht unbedingt kannten. Andere konsumieren umfangreich den Strom der Medienagenda, die in dieser Zeit thematisch eingegrenzt ist. Wieder andere spielen Videospiele oder lassen die Stunden mit Serien und Fernsehen vergehen. Nachrichten-Binge, schlafen oder Videogames sind jedoch in erster Linie Beschäftigungen, die wenig materielle Ergebnisse produzieren. In den ersten Tagen und Wochen von Corona berufen sich die Menschen auf sich selbst und die Abgrenzungsbewegung zu anderen ist teilweise deutlich betont. Auf Dauer entsteht ein Gefühl der Unzufriedenheit und diese Handlungen eignen sich selten als Beschäftigung für die gesamte Lockdown-Zeit.

Handlungen werden zu Ritualen

Manchmal protektionistisch begonnene Handlungen (das Virus aus dem Haus halten) werden im Verlauf des Lockdowns zu machbaren Ritualen: So verliert bspw. das Putzen nach einigen Wochen etwas an Bedeutung, das Händewaschen nach dem Betreten der Wohnung aber passiert bereits ohne groß nachzudenken. Solche Rituale geben im fortschreitenden Verlauf zunehmend feste Orientierungspunkte im Corona-Alltag. Wo diese von außen ausbleiben, werden sie im Kleinen selbst geschaffen. Mit zunehmender Automatisierung schaffen die Rituale Kapazitäten für neue, öffnende Bewegungen: „Jeden Tag abends kommen wir zusammen und trinken einen Spritz“ (w, 26). Gleichzeitig sind sie ein Indikator für „richtiges“ Verhalten und werden als belohnend erlebt.

Nicht zufällig erfahren das Kochen und insbesondere das Backen eine Renaissance: Die Menschen entdecken (wieder), was Entwicklung verspricht. Eine Teilnehmerin erzählt, wie eine Nachbarin ihr lange Jahre nicht praktiziertes Musikspielen hörte und sich mit einem Zettel an der Haustür bedankt. Dies führt zum gemeinsamen Verspeisen eines selbst gebackenen Kuchens über den Flur, was wiederum der viele Jahre nicht gemochte Hausmeister mitbekam, der sich mit einer Flasche Sekt beteiligt. In einem anderen Interview wird erzählt, wie sich mit einem extra angeschafften Laser „Shows“ in die Häuser der Nachbarn projizieren lassen.

Das Verhältnis zu anderen

All diese Bemühungen zeigen, dass es in völliger Isolation alleine nicht geht und wie wichtig der Austausch mit der Kultur und der Gemeinschaft ist. Es wird auch und insbesondere während Corona eine Entwicklungsmöglichkeit darin gesehen, mit der Gemeinschaft in Austausch zu kommen. Teilweise gelingt dies aus dem eigenen „Refugium“ als Ort vermeintlicher Sicherheit heraus aber besser als auf offener Straße.

Dies ist psychologisch sinnvoll, denn es bringt Anregungen in den Alltag, über die Menschen etwas über sich selbst verstehen. Eine Teilnehmerin, selbst positiv auf Corona getestet, beschreibt diese Kippstelle: „Ich habe das Gefühl, ich verliere mich selbst“ (w, 28). Das macht darauf aufmerksam, welche Belastung längere Isolation für Menschen ist. Es braucht Anregungen von außen, Pläne oder Ziele, eine Perspektive, wie es zumindest schrittweise weiter gehen kann. Einige fangen an dieser Stelle an, Sprachen zu lernen oder sich „Skills“ für die Zeit nach Corona aufzubauen. Wie nachhaltig diese Tätigkeiten sind, hängt auch damit zusammen, in welcher Erzählweise sie von der Kultur aufgegriffen und fortgeführt werden (vgl. Wir sind Helden).

Beispiel Homeoffice

Wie sich das Verhältnis zwischen dem Eigenen und dem Fremden während Corona reguliert, verdeutlicht insbesondere das „Homeoffice“. Corona stellt Schwierigkeiten heraus, die sich bei der Integration von fremden Ansprüchen in die eigenen vier Wände zeigen. Büros, üblicherweise durch Ortswechsel markierte Übergangsstellen zur Arbeitsverfassung, sind durch Corona seltener zu erreichen. Es wird deutlich, wie wichtig solche „Zwischenräume“ sind, die bisher als Zeitverschwendung abgetan wurden. Pausen, Wegstrecken oder Smalltalk, die vordergründig keine produktive Zeit sind und von der eigentlichen Aufgabe ablenken, helfen gerade diese Aufgabe zu gestalten.

Dementsprechend geschehen neue Versuche, die Arbeit in vormals gut geschützte private Räume zu integrieren, wobei die Verkehrung, pausenlos von Videokonferenz in Videokonferenz zu rasen, nahe liegt. Das Homeoffice, bzw. die von außen herangetragenen Aufgaben, bieten sich zwar als Strukturierung durch die Stunden des Tages an, müssen jedoch mit dem Rückzug auf das Eigene erst einmal in Einklang gebracht werden: Das Homeoffice kann bspw. dafür sorgen, dass rechtzeitig aufgestanden wird. Manchmal gehen dabei Frühstück und Videokonferenz ineinander über. Spätestens die Mittagspause aber markiert dann einen Übergang, an dem sich entscheidet, wo das Homeoffice noch strukturiert oder schon aus dem Ruder läuft und das eigene Refugium überfrachtet.

Das führt teilweise zu komischen Bildern. Eine Interviewpartnerin beschreibt die Familie aus Sicht des Hundes: „Wir sind alle abgeschaltet von der Realität. Die Leute sind da und gleichzeitig nicht da. Alle sind an ihren Geräten beschäftigt“ (w, 42). Der Hund der Familie fängt an zu bellen, als wolle er sagen: „Spiel mit mir!“ Auf der anderen Seite wird Homeoffice als „Arbeit light“ erlebt: „Homeoffice ist nicht so anstrengend, es ist ein hoher Erholungsfaktor.“ (m, 33). Andere Teilnehmende bemängeln ihre Effizienz und Effektivität im Homeoffice.

Für die Corona Alltagsstudie ziehen wir folgende Rückschlüsse:

  • Die Kultur ist ein wesentlicher Bestandteil der Identität
  • Corona erfordert eine Neuregulierung von eigenen und fremden Anteilen im Alltag, die vorher insbesondere durch Orte vermittelt wurde
  • Eine wesentliche Aufgabe im Corona-Alltag ist es, Eigenes und Fremdes jenseits bisheriger Formen in eine produktive Einheit zu verwandeln.
Corona aus Sicht eines Hundes

Tage verschwimmen

Im Corona-Alltag gelingt es nicht immer, neue Formen zu finden. Für manche nehmen die Tage eine komische Zwischenform an, bspw. produktiv in Jogginghose“ (m, 52). Ein Beleg dafür ist der gestiegene Alkoholverkauf in dieser Zeit. Die Tage verschwimmen und verflüssigen sich. Welchen Tag haben wir heute? (m, 35). Die oben erwähnten Rituale und Handlungen tragen eine Zeit lang, je länger Corona andauert, desto weniger aber ihre Effekte. Selbst Arbeitnehmer aus dem Onlinebereich, für die remote Work praktikabel ist, rufen im Verlauf vermehrt nach „greifbarer“ Strukturierung und Begegnung mit anderen: Alleine der Weg zur Arbeit fehlt mir langsam (m, 36). Teilweise kompensieren sollen das ausgedehnte Spaziergänge. Sie werden einerseits wie kleine Urlaube empfunden, andererseits sind sie eine strikte Untersagung, insbesondere wenn mehrere Personen zusammenkommen. So bleiben auch diese Handlungen in einem Zwischenstadium.

Wunsch nach Geschichten

Solche Welten dazwischen tragen auf Dauer nicht. Die Interviewten versuchen sich selbst durch wiederholte Handlungen im Alltag eine Struktur zu geben. Diese Rituale werden aber erst dann bedeutsam, wenn sie einen Sinn im Zusammenhang mit Anderen bekommen. Ein solcher Sinnzusammenhang geht über den Einzelnen hinaus und erzählt eine übergreifende Geschichte darüber, wie wir als Gesellschaft mit Corona umgehen. Wie diese kollektive Geschichte in Deutschland im April 2020 erzählt sein kann, stellt das nächsten Kapitel vor.

Klein wirkt groß

Im ersten Kapitel zeigen wir die Entstehungsbedingungen von Corona in Deutschland auf.

Wir sind Helden?

Im nächsten Kapitel stellen wir die kollektive deutsche Erzählweise von Corona gemäß der Ergebnisse vor.