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Offensichtlich unsichtbar

Ein- und Ausatmen

Fast jedes Kind freut sich, wenn es bei kalten Temperaturen seinen Atem sieht. Plötzlich wird das Ein- und Ausatmen erfahrbar. Dieser offensichtlich nicht sichtbare Vorgang, rund 20.000x pro Tag durchgeführt, ist lebensnotwendig, aber im Alltag wenig beachtet – am ehesten noch beim Rauchen. Die Tatsache, dass aus Menschen etwas mit dem Auge meist nicht Sichtbares herausströmt, das andere Menschen im Raum aufnehmen, ist für die Teilnehmenden der Alltagsstudie im ersten Moment banal, wird dann aber befremdlich. Tröpfchen, Schleim und Rotz würden in Wegwerftaschentücher geschmiert, entsorgt und wirksam aus dem Bewusstsein verbannt: „Ich hatte am Anfang überhaupt keine Angst…“ (w, 33). Unter anderem Taschentücher und Medikamente haben zu einer Entfremdung der eigenen Körperflüssigkeiten beigetragen.

Laufende Nase

Den Fokus auf diese alle Menschen betreffende Körperfunktion haben Virologen, Politiker und schließlich die Medienagenda gerichtet: „… erst als es in den Medien war, habe ich mir mehr Gedanken gemacht, was es bedeutet.“ (w, 33). Die Vermutung, dass vom vitalen Prozess des Ein- und Ausatmens Gefahr ausgehen könnte, lässt die Interviewten zunehmend auch vor sich selbst erschrecken: „Wie konnte ich vor zwei Tagen noch schwimmen gehen?“ (w, 33). Die Fremdheit vor eigenen Ausscheidungen verdeutlichen Gesichtsmasken, die warm und nass werden und dabei Gerüche annehmen, noch einmal besonders.

In den ersten Tagen bleibt „Corona“ noch diffus und wird häufig mit den Worten „aktuelle Situation“ (m, 52) als Ausdruck von Unklarheit beschrieben. Die Berichterstattung weist jedoch weiter darauf hin, dass der COVID-19-Erreger in der Atmung von jedem Menschen potenziell vorhanden sein könnte. Diese vermutete Nähe ist ein relevanter Unterschied zu anderen Krisen dieses Jahrhunderts, wie bspw. die Lage Geflüchteter, die Immobilien- und Finanzkrise, bzw. die Staatsschuldenkrise. Die Krisen der vergangenen 20 Jahre sind für die meisten Menschen in der DACH-Region schwer zu greifen. Corona verleiht dem Ausdruck: Corona hat dem, was an Angst, Terror und Meinungen schon immer da war, eine Form, ein Gesicht gegeben!(w, 42).

Diese Voraussetzungen werden im Prozessverlauf durch eigene Erfahrungen und Phantasien weiter in Richtung einer bedrohlich erlebten Gestalt ergänzt: „Ich weiß, wie sich COPD-Patienten anhören … mit Atemnot zu sterben…“ (w, 36). In dieser Verfassung wird der COVID-19 Virus personifiziert, es „möchte töten“. Psychologisch beginnt Corona sich zu einem „Überlebenskampf“ (w, 33) zu entwickeln.

Wirklichkeit wird in Frage gestellt

Unter diesen Voraussetzungen wird die Entdeckung eines COVID-19-Erregers psychologisch zur „Corona-Krise“, später nur noch „Corona“ genannt. Experten versuchen weiter zu erklären, was in seiner Ganzheit nicht erfasst ist. Notwendige Verfahren und Metriken zur Beschreibung von COVID-19 und seinen Auswirkungen sind unzureichend entwickelt, bzw. sind nur unter Berücksichtigung komplexer Voraussetzungen anwend- und interpretierbar. Das führt verstärkt dazu, dass vornehmlich Experten derselben Disziplin, die Virologen, wahrgenommen werden. Doch selbst diese Experten kommen beim selben Sachverhalt zu unterschiedlichen Ergebnissen, bzw. ändern ihre Bewertungskriterien. Was wissenschaftlich sinnvoll ist, sorgt bei den Interviewten für Verwirrung: Denn etwas, das in einem Zusammenhang groß erscheint, kann in einem anderen Zusammenhang winzig klein wirken (siehe die beiden roten Kreise oben).

Albert Einstein postulierte einmal für die Physik, dass die Realität relativ sei, was „die eine Wahrheit“ verunmöglicht. Diese Erkenntnis ist für Menschen beunruhigend, weshalb die Psychologie sogenannte „Abwehrmechanismen“ benennt, die es erlauben, Unsicherheit des Alltags auszuhalten. Beispielsweise „übersehen“ Menschen manchmal eine mögliche Gefahr, bzw. „denken nicht groß darüber nach“. Es ist sinnvoll und im Alltag lebensnotwendig, Wahrscheinlichkeiten zum eigenen Vorteil hin aufzurunden, um nicht jede Situation bis ins letzte Detail analysieren zu müssen. So gehen moderne Menschen meist davon aus, ihr Essen sei nicht vergiftet und sparen sich den Vorkoster früherer Könige – 100%ige Sicherheit für den unbeschwerten Genuss gibt es aber nicht. Corona macht besonders deutlich, dass Menschen mit Wahrscheinlichkeiten, Unsicherheit und Risiken leben müssen. Die sonst dafür herangezogene Beruhigung, mehr zu forschen und zu zählen – „Corona ist viel zu wenig erforscht“ (m, 37) – bringt in dieser Situation aber zunächst widersprüchliche Ergebnisse, die weiter zur Verunsicherung beitragen.

Vorkoster

Überdrehung und stoppen

Die dargestellten Gegebenheiten verstärken sich insbesondere zu Beginn und in der früheren Phase von Corona selbst und führen zu einer psychologischen Beschleunigung: „Keine Polizei kann Corona stoppen“ (m, 52). „Das macht mir Angst vor der Zukunft. Kann ich noch zu meiner Mutter […] reisen? Bricht das Gesundheitssystem zusammen?“ (w. 33). Menschen beginnen, alltägliche Handlung in Frage zu stellen: „Mein Mitbewohner arbeitet in einem Heim [..]. Ich möchte nicht, dass er wegen mir Corona dort hinbringt.“ (m, 26)

Gleichzeitig werden auch die Mitmenschen zunehmend als bedrohlich erlebt: „Jeder einzelne Kontakt, wie ein Gefühl von ausgeliefert sein“ (w, 28) „Einkaufswagen, Produkte, Geld, das hat vorher ja jemand angefasst, der könnte infiziert sein.“ (w, 26). Hier wird es unbehaglich, bspw. wenn andere Menschen beim Einkaufen zu nahe rücken oder „beim Arzt im Wartezimmer alle unheimlich [aussehen], nicht mal ein Lächeln“ (m, 37).

Daraus resultiert eine Logik des „Schützens durch Abgrenzung“, die sich auf verschiedene Maßstäbe übertragen lässt: Die Wohnung, das Haus, die Stadt, der Ortsverband, das Bundesland, das Land schützen und abgrenzen. Die Interviewten der Studie sehen sich teilweise mit mehr oder weniger geheimen Wünsche nach Führung und Moderation konfrontiert: Ich ertappe mich, dass ich bayrisch und für Deutschland denke. Wir müssen unser eigenes kleines Reich sicher machen, alles abkapseln. Aber ich bin mir nicht sicher, ist das sinnvoll? Man könnte auch Menschen aus anderen Ländern helfen“ (w, 24).

In dieser beschleunigten Bewegung ruft vieles nach Abschottung. Da passt es in die Verfassung der Menschen, wenn das öffentliche Leben durch den sogenannten „Lockdown“ in weiten Teilen eingeschränkt wird. So wirkt das physisch kleine Corona plötzlich groß. Die Umkehrung der Verhältnisse liegt darin, dass dieses kleine Virus die Menschen als globale Krone der Schöpfung dazu bringt, sich auf kleinem Raum zurückzuziehen. „Es ist, als ob wir mit 300 Sachen gegen die Wand fahren.“ (w, 36). Das zeigt, aus welcher überdrehten Verfassung Corona entstand.

(Kl)einrichten

Erfahren Sie im nächsten Beitrag, wie sich das Verhältnis zwischen kleinem Virus und großen Menschen umkehrt und die Menschen sich im Kleinen einrichten.